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Kunstwerk und Rahmen – Eine wirkungspsychologische Annäherung

Januar 15th, 2009 · Keine Kommentare

Simmels Ansatz hat gezeigt, dass der Rahmen eine gewisse Distanz nach außen, gleichzeitig eine Vereinheitlichung nach innen schafft, wodurch sich die Ästhetik des Kunstwerkes als Ganzes erst beim Betrachter entfaltet. Aber wie geschieht das? Was macht der Rahmen, dass wir derart reagieren?

Betrachten wir zunächst die Einzelheiten. Was ist eigentlich ein Rahmen und wie konstituiert er sich? Als Beispiel soll ein herkömmlicher Holzrahmen dienen. Hier kommen vier Einzelheiten zusammen, je nach Format des Bildes variieren jeweils zwei gleich lange Holzleisten A1, A2, B1, B2, deren Enden klassisch diagonal geschnitten und aneinander gefugt werden. Die Ecken bilden dadurch jeweils eine Fuge der aufeinandertreffenden Seiten A1 und B2, B2 und A2, A2 und B1, B1 und A1.

Diese scheinbar völlig arbiträre Anordnung fällt hingegen mehr Gewichtung zu. Die Fugen richten den Blick nach Innen, da sie das Auge auf ihren idealen Schnittpunkt leiten, der in der virtuellen Verlängerung der Fugen, in der Bildmitte liegt. Die Beziehung des Bildes, so Simmel, wird somit von allen Seiten auf sein Zentrum betont.


Desweiteren wird gewöhnlich ein Rahmen derart gestaltet, dass die äußere Seite höher ist als die innere. Die vier Seiten bilden somit eine konvergierende Ebene. Warum das?
Die abfallenden Rahmenseiten folgen der körperlichen Bewegung, welche leichter vom Hohen zum Tieferen geht. Das Sehen – der Blick – verhält sich ähnlich, er wird hier ebenso wie die konvergierenden Fugen Richtung Bildzentrum geleitet.

Abb. 3 Abfallender Rahmen
Abb. 3 Abfallender Rahmen

Die aufeinandertreffenden Seiten bilden einen fließenden und gleichzeitig abschießenden Rahmen, der den Blick auf das Bildinnere bündelt. Simmel nennt das vom Rahmen Eingefasste eine Insel, die nur dann funktioniert und als solche ihre Funktion erfüllen kann, wenn der Rahmen abgeschlossen ist und nicht durch Lücken unterbrochen wird. Durch eine solche Lücke im Rahmen oder eine ‘Brücke’ könne die Welt hinein oder das Innere herausdringen. Eine solche Brücke wäre bspw. die Technik, das Bild auf dem Rahmen weiterzuführen, also Elemente oder Farben auf den Rahmen zu übertragen.
Der Rahmen, um in seiner Aufgabe, die Ästhetik des Bildes, des Inneren, der Insel hervortreten zu lassen, vollends gerecht zu werden, muss er fließen und gleichzeitig abschließen. Nur dann kann er das Bild von außen abtrennen.

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